Leseprobe aus „Ich mach mir mein Geld, wie es mir gefällt“

Geld_Mund

Der Senf zu Erlesenem

Das Titeldilemma bringt uns unmittelbar zu unserem nächsten Thema, in dem es nämlich um Bücher geht, vor allem um solche, die allein schon wegen ihres schlagkräftigen Titels Aufmerksamkeit erregen. Immer wieder kommen Werke auf den Markt, bei denen nicht nur Titel, sondern auch Inhalte die Wellen höher schlagen lassen. Thilo Sarazzin hat mit seinem Dossier Deutschland schafft sich ab ebenso einen Skandal ausgelöst wie Charlotte Roche mit ihrem Roman Feuchtgebiete. Wo die Fetzen fliegen, sind Vertreter aller Meinungsrichtungen ebenso wie solche, die sich einfach nur an der Debatte ergötzen, nicht weit.

Da steckt doch eine super Geschäftsidee drin. Dafür greifen wir die im akademisch-literarischen Bereich bekannte Form der kommentierten Werke auf. Nur, dass es hier nicht um hochwissenschaftliche Analysen bedeutender Literaturen in großen Berliner oder Frankfurter Ausgaben geht, sondern ganz einfach um Bestseller, die heftige Kontroversen auslösen. Zumindest schlagen wir vor, damit anzufangen. Letztlich lässt sich die Idee bis hinunter zum Groschenheftchen umsetzen.

Die anfänglichen Gedankenspielereien mit einem, vielleicht sogar kunstvoll gestalteten, Overlay, das ausschließlich Kommentare enthält und zwischen die Buchseiten eingelegt werden kann, haben wir schnell ad acta gelegt zugunsten eines anderen Modells, das zeitgemäßer und weniger umständlich daherkommt: Das kommentierte eBook[1]. Dabei müssen nicht einmal die Lizenzen für das Originalwerk erworben werden, sollten die Verlage nicht selbst die Idee aufgreifen. Wird das eBook mit einem Plug-In für Kommentare ausgerüstet, können diese ganz einfach später erworben und nachgeladen werden. Mit der kommentierten Ausgabe lässt sich eine weitere Verkaufswelle (neben Hardcover, eBook und Taschenbuch) nach dem Erscheinungstermin einleiten.

Kommentatoren zu finden, dürfte das geringste Problem sein. Eine Honorierung ihrer Arbeit ist sicherlich kein Problem, denn das kommentierte eBook findet garantiert reißenden Absatz. Viele Sendungsbewusste geben sicherlich sogar kostenlos ihren Senf zu so manchem Buch, so wie sie es für Zeitungen, Magazine und Rundfunksender auch tun. Sei es, weil das Buch ein Thema behandelt, für das sie besonders kompetent sind, sei es wegen der möglichen Selbstdarstellung oder um sich gegen Inhalte zu wehren. Bei Werken, die besonders heftig diskutiert werden, sollten Verlage darüber nachdenken, Kommentare Einzelner unabhängig voneinander anzubieten. Ansonsten wäre eine Sammlung verschiedenster Kommentatoren höchst interessant. Hersteller von eBook-Readern sind also aufgerufen, die Kommentarfunktion einzubauen und Verlage, sich Gedanken zum Geschäftsmodell zu machen.

Wir bestellen jetzt schon ein kommentiertes eBook von

  • Ex-Papst Benedikt zu Feuchtgebiete von Charlotte Roche
  • Angela Merkel zu Fifty Shades of Grey
  • Alice Schwarzer zu Das Eva-Prinzip von Eva Hermann
  • Josef Fritzl zu 3096 Tage von Natascha Kampus
  • Günther Grass zu Alte Herzen rosten nicht von Rosamunde Pilcher
  • Peer Steinbrück zu Der neue große Knigge von Franziska von Au und Christian Weiss
  • Ex-Minister Guttenberg zu Das Wissenschaftsplagiat von Volker Rieble
  • Helene Hegemann zu Eine unoriginelle Literaturgeschichte von Philipp Theison
  • Uli Hoeneß zu 1000 ganz legale Steuertricks von Franz Konz

Eine Nachbemerkung zur Perzeption von eBooks, die noch einige Chancen für Verbesserungswütige bietet: Am Markt finden sich verschiedene Software-Produkte, mit deren Hilfe sich Blinde, Lesefaule und andere Sehbehinderte das eBook vorlesen lassen können. Stimme und Geschwindigkeit sind zum Beispiel individuell einstellbar. So weit so gut. Nur leider hapert es an manchen Stellen noch mit der hörgerechten Umsetzung und es kommt beispielsweise zu so fantastischen Hörereignissen, dass die elektronische Stimme bei diesem Textereignis:

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gefühlte 2.000 Mal das Wort „Unterstrich“ vorliest.

Wir schlagen Wikiread vor, wo alle eBook-Hörer gemeinsam an der Verbesserung des Vorlesens arbeiten.

Unter fremder Flagge segeln

Überall im Film und in der Literatur begegnen wir dem Phänomen der Fortsetzung. Dem Faust I folgte der Faust II, Star Trek 1 folgten 5 weitere komplette Staffeln mit insgesamt 726 Episoden. Nicht immer ist der „Macher“ der Erstausgabe auch der Urheber der folgenden. Interessant wird es, wenn ein berühmtes Werk zu eigenständigen Fassungen in gänzlich neuem Rahmen anregt. So schrieb Gottfried Keller beispielsweise seine berühmt gewordene Novelle Romeo und Julia auf dem Dorfe. Unnötig zu sagen, wo er seine Inspiration hernahm.

Da lohnt es sich vielleicht, einmal tief in die Schatzkiste der Literatur und nach berühmten Titeln zu greifen. Oder nach populären zeitgenössischen Titeln. Das muss dann ja keine Fortsetzung sein, es könnte auch eine Übertragung auf andere Gebiete, eine Persiflage oder ähnliches sein. Und dann fröhlich drauflos schreiben. Für Schlagzeilen könnten folgende Werke sorgen:

  • Mein Kampf 2 (Lebensgeschichte eines Friedensaktivisten)
  • Feuchtgebete (über die unerfüllten Sehnsüchte eines Mannes)
  • Der Name der Rose 2 oder Der Name der Orchidee (Gärtnerbuch)

Ein Tipp: Die Urheberrechte laufen 70 Jahre nach dem Tod ab. Alte Titel zu übernehmen dürfte also kein Problem sein, bei zeitgenössischen Werken reicht ggf. eine kleine Änderung, um Rechtsstreitigkeiten aus dem Wege zu gehen. Genial ist es natürlich, wenn man einen Gegenentwurf zu einem bereits verfassten Werk auf die Beine bringt, wie es Ernst Peter Fischer mit seinem Buch Die andere Bildung. Was man von den Naturwissenschaften wissen muss schaffte. Damit trat er in die großspurigen Fußstapfen von Dietrich Schwanitz Bildung. Alles was man wissen muss und machte gleichzeitig seine Kritik am Schwanitzschen Bildungskanon, der die Naturwissenschaften komplett außen vor ließ, deutlich. Kompliment, Herr Fischer. Zumindest marketingtechnisch bravourös.

Und wenn wir schon dabei sind, uns mit fremden Federn zu schmücken, können wir das bewährte Konzept auch auf andere Kunstbereiche übertragen. Findet jedenfalls Ottic. Er denkt da natürlich sofort an sein Spezialgebiet: Musik. Wie wäre es, klassische Werke der Musik fortzuschreiben oder neu zu komponieren und die Wucht altehrwürdiger Titel zu nutzen, als da wären: Die kleine Nachtmusik 2, Eroica heute oder Das wohltemperierte Klavier der Avantgarde?

Sollten Sie zu den wenigen gehören, die in der Lage sind, einen solchen Vorschlag umzusetzen, sprich ein adäquates Werk zu komponieren, dann sollten Sie vielleicht nur meinen folgenden profanen Einwand bedenken (sorry Ottic, aber das kann ich nicht unerwähnt lassen): Wird Google Ihr Werk finden oder womöglich erst auf Platz 1.588 nach dem berühmten Vorgänger platzieren?

[1] Die Domain www.kommentierte-ebooks.de ist natürlich reserviert und zu verschenken.

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